Vor dem Höllenrichter

Eine der berühmten Heldinnen der Legenden von Nan ist Lung Hai. Ein altes Ehepaar, dessen eigene Tochter früh gestorben war, fand eines Tages am Strand einen großen glänzenden Stein von der Form eines Eis. Staunend nahmen sie ihn mit nach hause. An der Wärme ihres Heimfeuers begann es im Inneren des Steins zu klopfen. Bald schlüpfte daraus ein winziges Mädchen, dass ihrer verstorbenen Tochter glich. Sie nannten das Mädchen Lung Hai - Drachenmeer, denn sie hielten den Stein für das angeschwemmte Ei eines Drachen. Lung Hai wuchs heran zu einer klugen und starken jungen Frau. Von ihrer Furchtlosigkeit erzählt so manche Geschichte. Eine davon ist die folgende. 

Lung Hai war eines Tages in einen Tempel eingekehrt um für eine Reise zu beten. Da hörte sie aus einer Ecke der Halle ein leises Schluchzen. Sie ging hin und fand eine alte Frau und ein Mädchen, die vor einer Statue knieten und weinten: "Gnadenvolle Göttin, rette unseren lieben Sohn und Bruder. Er ist unschuldig angeklagt und bald soll er sterben."

Lung Hai dauerte diese Klage und sie wartete, bis die beiden am Abend nach draußen gingen, dann sprach sie sie an: "Ich will nicht unhöflich sein, doch ich kam nicht umhin eure Klage zu hören und es rührt mein Herz. Gibt es einen Weg wie ich euch helfen kann?"

Die beiden wollten erst ablehnen, berichteten dann aber doch. Es ging um einen jungen Studenten, der außergewöhnlich klug und von edlem Herzen war. Allerdings hatte er sich Feinde gemacht, weil er durch seine Klugheit oft die Studenten aus den besseren Familien dumm aussehen ließ. In den kaiserlichen Examen war er dann plötzlich beschuldigt worden, die Aufsatzthemen gestohlen zu haben und man hatte tatsächlich eine Abschrift bei ihm gefunden. Seine Feinde, die ihn dessen bezichtigt hatten, wurden dafür sogar ausgezeichnet. Nun stand dem Jungen eine schwere Strafe bevor, die er nicht überleben würde.

"Er hat aber gewiss nichts Unrechtes getan!", weinte die alte Mutter und Lung Hai glaubte es ihr mit ihrem Herzen.

Sie lief früh am nächsten Morgen zum Richtplatz, doch da hieß es, der Junge sei wegen seiner schwachen Gesundheit schon in der Nacht im Gefängnis gestorben. 

Lung Hai ging also zurück zu dem Tempel, fand dort die Mutter und die Schwester wieder und brachte ihnen die Nachricht. Sie weinten abermals sehr, dankten ihr aber für ihre Mühen. "Noch kann nicht alles verloren sein.", sagte Lung Hai schließlich. "Gebt Acht."

In dem Tempel stand auch eine Statue des obersten Höllenrichters, groß wie zehn Männer, finster und grausig anzusehen. Um ihn herum starrten tausend Augen als Sinnbild dafür, dass nichts seinem strafenden Blick entgehe. Lung Hai stellte sich davor auf und rief: "Du willst ein Gott sein und rühmst dich, alles zu sehen. Wie kann es sein, dass solches geschieht? Es ist alles eine Lüge! Du bist nichts weiter als ein riesiger, nutzloser Holzklotz!"

Mit diesen Worten begann sie nach dem Standbild zu treten und hob sogar einen Besen auf, mit dem sie darauf einschlug.

Die Priester des Tempels liefen erschüttert herbei und suchten sie zurückzuhalten. Da stürzte Lung Hai plötzlich zwischen ihnen hin und hatte das Bewusstsein verloren.

 

Sie kam zu sich in tiefer Dunkelheit und Kälte, die so eisig war, dass es sich wie Feuer anfühlte. Ein beißender Wind heulte durch undurchdringliche Nacht und wehte uralten Staub in ihr Gesicht. Ehe sie sich noch recht gefunden hatte, sah sie von fern mit glühendem Schweif eine Feuerkugel heranfliegen. Das war ein Wagen, gezogen von riesigen Dämonenochsen, der da schnell wie ein Pfeil auf sie zu kam. Wie er vorbeiflog, zog es sie hinauf und sie saß darinnen. In wilder Fahrt ging es auf und nieder, links herum und rechts herum, dass einem ganz anders werden konnte.

Als der Wagen schließlich anhielt, fand sie sich vor einem riesigen Eisentor wieder, das von unsichtbarer Hand aufschwang. Dahinter lag ein gewaltiger Saal, düster und tief nach allen Seiten. In der Mitte saß mit finsterem Gesicht der oberste Höllenrichter umgeben von einigen seiner Beamten. 

Lung Hai trat ein, als ein Herold ausrief: "Erhabener Richter! Dies ist Lung Hai, die dich einen Lügner genannt hat."

Der Richter musterte sie grimmig, doch Lung Hai blieb aufrecht stehen, zuckte nicht und sagte: "Das bin ich."

"Wie kommst du zu solcher Behauptung?", verlangte der Richter zu wissen. "Hast du keine Angst, dass ich dich in einen kochenden Kessel werfen lasse?"

"Sagst du nicht, dass du alles siehst und die Guten erhoben, die Schlechten aber bestraft werden?”, antwortete Lung Hai. “Wie kann es da sein, dass jener stirbt der ehrlich ist und strebt und die Betrüger zu Ruhm gelangen? Wärst du ein Gott, wie du vorgibst, so würdest du sorgen, dass solches nicht geschieht. Mir scheint aber, du bist nur einer, der sich groß tut. Deshalb komme ich, den armen Studenten wiederzuholen, wie es nur gerecht ist."

Die Beamten raschelten und murmelten mit ihren verzerrten Stimmen.

Der Höllenrichter aber lachte laut und es hallte grausig von allen Seiten wieder. 

"Du gefällst mir.", rief er, "Denn du hast das Herz am rechten Fleck."

Er stand auf und holte hinter seinem Rücken ein gewaltiges Buch hervor. Es war so groß, dass es Lung Hai dreimal überragte, als er es vor ihr hinlegte.

"Dies ist ein Buch, das die Taten des jungen Studenten enthält. Sein vergangenes Leben in der Menschenwelt ist nur eine einzige Seite darin. Das ist etwas, was keiner versteht, der in der Menschenwelt lebt.”

Er hieß sie sodann, vor ein großes Fenster an der Seite des Saales treten und hinausschauen. Da sah sie vor sich einen Abgrund, so unermesslich tief, dass es sie schwindelte. An dessen Seiten ging es in tausende Schächte und Gänge, darin waren viele Menschen zu sehen, die auf ungezählte Arten zu leiden hatten. Das größte Leid aber schien die vergebliche Hoffnung, mit der sie zu Lung Hai nach oben starrten. 

In kaum erkennbarer Ferne hinter dem Abgrund schwebte in den Wolken ein golden leuchtender Palast. 

“Was du siehst,” sagte der Richter, “sind die zehntausend Höllen unter uns, dort werden eines Tages die Übeltäter ihren Platz finden. Aber der Junge, den du suchst, sitzt schon dort drüben in dem Palast und lauscht den Reden unsterblicher Gelehrter. Wenn er eines Tages genug gelernt hat, wird er weiterziehen und vielleicht irgendwo seiner Familie wieder begegnen. In meiner Hand liegt es nicht zu sagen wann. Ebenso wie es nicht in meiner Hand liegt einen leben zu lassen, dem das Sterben bestimmt ist.”

Nachdem sie das alles gesehen hatte, nickte Lung Hai und sagte: “Ich verstehe jetzt. Alles wird vergolten. Man soll nicht ungeduldig sein.”

“Da du nun hier warst vor meinem Gericht, kann ich dich nicht einfach ungeprüft gehen lassen.”, sagte der Höllenrichter. “Wenn du wieder durch mein Tor hinaus trittst und es dir gelingt, weiterzugehen ohne stehen zu bleiben, magst du zurück in die Menschenwelt finden. Hältst du aber inne, wirst du draußen vor meinem Tor bleiben, bis die Zeit selbst zu Ende ist.”


Lung Hai verbeugte sich zum Abschied, dankte und ging furchtlos hinaus. Da war nun nicht mehr die tiefe, staubige Dunkelheit, sondern ein langer Gang voller silberner Spiegel. Wie sie den Gang entlang lief, sah sie an den Wänden ihr eigenes Bild in ewiger Wiederholung. Und in dem Bilde sah sie alles, was sie je Schlechtes getan hatte, bis hin zur kleinsten Fliege, die unter ihrem Fuß des Wegs gestorben war. Vieles verstand sie nicht, anderes war ihr bekannt und dauerte sie unermesslich. Manchen Gestalten wollte sie sich hinwenden und um Verzeihung bitten, doch musste sie weiter und weiter gehen. 

Das Leid und ihr Bedauern wurde aber bald so unermesslich groß, dass sie all ihren Wunsch verlor, wieder in die Welt zurückzukehren wo solches geschah. Schon wollte sie sich hinsetzen und aufgeben, da spürte sie in ihrer Hand etwas Warmes und Lebendiges. Als sie die Hand öffnete, flog ein kleiner Glühwurm heraus. Mit sanftem Licht schwebte er vor ihr her und sie folgte ihm nach. Langsam wurden um sie die Spiegelbilder blasser und verschwanden.


Als sie schließlich die Augen aufschlug, fand sie sich in dem Tempel vor dem Standbild des Höllenrichters. In ihrer Hand lag ein kleiner Talisman, den die Mutter des Studenten ihr voll Sorge hineingegeben hatte. 

Lung Hai soll sich seitdem in jeder Stadt wo sie hinkam vor dem Standbild des Richters verbeugt haben.

 

Autor: UY (basierend auf mehreren alten Märchen)

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