Die Tigerin

Ein einfacher Holzschnitzer in Tou hatte einmal zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Da seine Frau gestorben war, musste er allein für sie sorgen und sie waren sehr arm. Eines Tages zog er zu einem Auftrag in eine etwas entfernter liegende Stadt und wurde auf dem Heimweg von Räubern erschlagen.

Die Kinder warteten und Hunger plagte sie. Als nach ein paar Wochen klar war, dass der Vater wohl nicht zurückkehren würde, bestimmte man in der Familie einen Onkel in der nächsten Stadt, der sie aufnehmen sollte.

Der Onkel tat dies nur mit großem Widerwillen. Er war ein kleinlicher Mann und Kinder bedeuteten ihm nichts als eine Last. Gleichwohl er ein begüterter Händler war, gab er den beiden kaum etwas zu Essen und auch im Winter keine neuen Kleider um kein Geld an sie zu verschwenden. Auch sprach er nie mehr als das Nötigste mit ihnen und schickte sie nicht zu einem Lehrer.

Es kam der Tag, dass ein feiner Herr den Onkel besuchte und von den Kindern hörte. Er kam mit dem Onkel überein, sie gegen ein gewisses Geld als Diener in sein weit entfernt liegendes Haus mitzunehmen, unter der Bedingung, dass sie gleich am folgenden Morgen mit ihm gingen.

Der Onkel teilte das den Kindern mit, die davon überrascht und ängstlich waren. Sie baten ihn, vor der weiten Reise noch einmal das Grab ihrer Mutter besuchen zu dürfen, aber er hieß sie barsch im Haus bleiben.

Als er die Kammer verlassen hatte, in der sie wohnten, weinten die beiden sehr. Schließlich beschlossen sie davonzulaufen und das Grab zu besuchen, bestimmt aber am Morgen zurück zu sein um dem Onkel Gehorsam zu zeigen.

Allerdings war der Weg viel weiter als sie gedacht hatten. Außerdem begann es bald, in Strömen zu regnen, dass sie die Hand vor Augen nicht sahen. Sie suchten Schutz in einem Tempel am Wege und schliefen dort vor Erschöpfung ein. 

Der Onkel sah am Morgen, dass sie verschwunden waren und ließ nach ihnen suchen. Man fand sie aber nirgends, selbst in dem Tempel am Wege zur Nachbarstadt waren sie nicht. Beschämt und voll Zorn musste der Onkel seinem Gast mitteilen, dass das Geschäft geplatzt sei. 

Nachdem einige Tage ins Land gegangen waren, klopfte es eines nachts an der Tür des Onkels. Wie man öffnete, stand da eine kleine Schar herrschaftlicher Wächter und Träger mit einer Sänfte. Man bat die Gesellschaft sogleich einzutreten und die Sänfte absetzen.

Daraus entstieg eine Frau in reichen, seidigen Kleidern von hohem Wuchs und mit noblem, strengem Gesicht. Der Onkel und sein Haushalt verbeugten sich tief und redeten sie sehr höflich an. Das Hauszeichen an ihrer Kleidung konnten sie nicht erkennen, daher sagte der Onkel nachdem sie ins Haus hineingegangen waren und im Empfangszimmer Platz genommen hatten: "Oh hohe Dame, dein Besuch ehrt über die Maßen dieses gar zu bescheidene Haus. Wie geht es zu, dass du uns hier so gnädig aufsuchst?" 

Sie antwortete ihm mit einer volltönenden Stimme, wie sie große Herrscher haben: "Ich bin gekommen, dir ein Geschäft vorzuschlagen."

Eine Magd war derweil dabei, die Kerzen in dem Empfangszimmer zu entzünden. Dem Onkel fiel auf, dass die edle Dame den Blick in das Licht mied. Er ließ sich aber nichts anmerken, sondern fragte weiter: "Wie könnte ein unwürdiger Mann wie ich dir zu Diensten sein?"

"Ich suche eine Zofe und einen Kammerdiener für mein Sommerhaus. Ich hörte du hast zwei Kinder aufgenommen, die du in Stellung zu geben wünschst."

"Die beiden Kinder eines Verwandten leben bei mir.", sagte der Onkel obwohl er sich verwunderte, "Allerdings sind sie gerade nicht hier."

"Lass das meine Sorge sein.", antwortete die Edelfrau schnell, "Ich biete dir zweihundert Ryou Gold für die beiden."

Dies war nun eine sehr hohe Summe und der Onkel konnte ein gieriges Lächeln nur schwer unterdrücken. 

Er verbarg also stattdessen sein Gesicht in den Händen und gab vor, zu schluchzen: "Wie gern würde ich dein großzügiges Angebot annehmen und fürwahr, ich könnte so nötig ein Auskommen brauchen, denn ich lebe in großer Not, auch wenn man es nicht sofort sieht. Doch ich gab meinem Verwandten das Wort, die beiden nicht leichtfertig fortzugeben!"

"Fünfhundert Ryou sollen dein Auskommen sichern. Und ich biete auch dir eine Stellung in meinem Sommerhaus", erwiderte die Frau. Sie schien erbost ob der Ablehnung. Der Onkel schluchzte nur weiter: "Auch diese unendliche Güte kann ich nicht annehmen. Ich habe den beiden doch versprochen, sie mögen nie fern vom Grab ihrer Mutter sein."

Als er aufblickte durch seine falschen Tränen, traf sein Blick den der Frau die ihn nun geradewegs anstarrte. Ihre Augen schienen im Schein der Kerze ganz wie die einer Katze.

Mit tiefer Stimme knurrte sie: "Tausend Ryou sind mein letztes Angebot."

Dem Onkel wurde kalt und heiß vor Angst. Dennoch schaffte er es zitternd den Kopf zu schütteln und hervorzubringen: "Ich liebe sie doch wie mein eigen Fleisch und Blut!"

Der Kehle der Frau entrang sich nun ein grollender Laut, der kaum einem Wort glich: "Lügner!" 

Sie sprang auf ihre Füße und plötzlich stand dort, wo sie gesessen hatte eine stattliche Tigerin mit gold und schwarz glänzendem Fell.

Die Hausangestellten flohen schreiend aus dem Raum und fanden draußen die Sänfte und das prächtige Gefolge verschwunden. 

Von drinnen hörte man grausiges Scheppern und Krachen und sie rannten allesamt davon.

Was aus dem Onkel wurde, hat niemand erfahren.

Man sah aber beizeiten in dem Tempel am Weg nach der anderen Stadt den Jungen und das Mädchen in edlen Kleidern, wie sie den Statuen der Tiger, die den Tempel bewachen Opfer darbrachten und dann im Wald verschwanden.

 

Autor : UY

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