Die Weberprinzessin

Am Anfang der Zeit streiften die Geister noch frei durch die Welt. Manche von ihnen hatten ein Zuhause gefunden in einem Fluss, einem Baum oder einem Berg, doch viele waren noch unbehaust. Da sie auch keinen Körper hatten und keine Form wurden sie vom Wind hierhin und dorthin geweht ohne sich halten zu können und der Regen oder selbst der Tau trug sie davon. Daher war auf der Welt viel Unruhe und Klage.

Die großen Götter, die am Himmel wohnen, hörten das und hatten ein Mitleid. Sie kamen zusammen und beratschlagten, was zu tun sei. Unter ihnen war eine, die man die Weberprinzessin nannte. Sie war es, die in großem Fleiß die wunderschönen Gewänder der Götter webte. Ihr trugen die Götter auf, auch den Geistern auf der Erde ein paar Kleider zu machen.

Voll Eifer begab sie sich ans Werk, spann und webte und nähte über zehntausend Tage und Nächte: Das schillernde Federkleid der Vögel, das seidige Fell der Füchse, die wehrhaften Borsten der Igel und die hauchfeinen Flügel der Schmetterlinge. Die Geister dankten es ihr in den schönsten Stimmen und tollten herum vor Glück.

Nur zwei Geister waren am Ende noch übrig, denen kein Kleid recht passen wollte und sie sann darüber lange nach.

Es war aber inzwischen geschehen, dass die Schwester und der Bruder der Weberprizessin ausgeschickt worden waren, der Stern des Nordens und das Auge des Südens zu werden. Über die Trennung waren sie beide so betrübt, dass sie viele Nächte weinten und sich schließlich in den himmlischen Fluss stürzten. Noch immer sieht man ihre Tränen im Sommer am Himmel.

Die Weberprinzessin war voller Trauer über diesen Verlust, blieb sie doch nun ganz allein von den drei Geschwistern.

Sie legte daher zwei Kleider, die sie ihnen gemacht hatte, den letzten beiden Geistern an, die noch kein Kleid erhalten hatten. Diese passten ganz wunderbar und die beiden dankten es ihr artig und mit klarer Menschenstimme.

Damit sie nun nicht auch diese beiden noch verliere, band die Weberprinzessin einem jeden von ihnen einen unsichtbaren Faden um das Herz. Der Faden folgte ihnen, wohin sie auch gingen, verfing und verwebte sich hier und da und als sie Kinder hatten fanden sie, dass diese auch einen kleinen Faden trugen. Bald schon war das Netz ganz eng versponnen, wie das feinste Tuch, auch wenn keiner es sehen kann auf der Erde.

Autor: UY

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