Die Welt im Ärmel

In Nan lebte einmal ein Student, der sehr gescheit war. Er hatte an allen Universitäten gelernt und unzählige Bücher gelesen. Auch die Examen hatte er alle mit Leichtigkeit bestanden und hätte den Rang eines hohen Ministers am Hofe annehmen können, so er es gewollt hätte. Doch Geld und Posten interessierten ihn weit weniger als sein Ruhm als Gelehrter.

Er war recht eingenommen von sich selbst und sagte zu anderen: „Ich kenne jedes Buch und jede Schriftrolle auf der Welt. Es gibt keinen Lehrmeister, der mir noch eine Frage stellen könnte, die ich nicht zu beantworten weiß.“

Nun hörte er von einem greisen Mönch namens Mu, der in einem Kloster der Einkehr in den Heiligen Bergen leben sollte und von dem man berichtete, er sei weise wie kein Zweiter. Diesen Mönch suchte der Student also auf, um seine eigene Weisheit an ihm zu messen. Er wanderte hinauf auf einen spitzen Berg und fand dort den Alten gerade beim Füttern der Vögel.

Sie setzen sich zum Tee und der Alte fragte freundlich, was denn sein Begehr sei. Der Student berichtete ohne Umschweife von seinem Ziel, sich einen Namen zu machen als größter Gelehrter unserer Zeit. „Ich bitte Dich daher, weiser Meister Mu, stelle mir eine Frage. Ich will sehen ob Du es vermagst, mich etwas zu fragen, was ich nicht beantworten kann.“

Der Alte lächelte freundlich und nickte. „Nicht weit von hier, auf dem Berg Dao Shan im Eisernen Kloster des Westens lebt die Meisterin Chang, eine gute Freundin von mir. Sie ist eine berühmte Zauberpriesterin und hat ein Gewand, aus dessen linkem Ärmel sie nach Belieben alles und jedes herausholen kann, was es in dieser Welt gibt. Ich besuchte sie einmal und wir kamen ins Plaudern. Da fragte ich sie, ob es denn auch möglich wäre, dass sie sich selbst aus ihrem Ärmel herauszieht. Was glaubst du, hat sie mir geantwortet?“

Der Student war einen Moment verblüfft und begann dann viele Tage und Nächte nach der Antwort zu grübeln. Nachdem der Sommer gegangen, der Schnee schon gefallen und wieder getaut war, fasste er schließlich den Entschluss, selbst auf den Dao Shan zu steigen und die Meisterin Chang zu fragen. Wie er aber seine Schritte zum Tor des Klosters der Einkehr wandte wurde ihm klar, dass er damit nicht nur vor sich, sondern auch vor dem Alten und der Meisterin eingestand, dass er die Antwort aus eigener Kraft nicht finden konnte.

Er warf sich also vor dem greisen Meister Mu in den Staub und bat ihn: „Du bist wahrhaft weise, das sehe ich. Nimm mich als deinen Schüler an.“ Der Alte nickte wieder freundlich und fortan lebten sie zusammen in dem Kloster. Allerdings tat der Alte den ganzen Tag nichts anderes als die Vögel füttern, den Garten jäten, Reis kochen und den Hof fegen. Es schien ganz als habe er gar kein Interesse an Gelehrsamkeit. Der Student hielt dies wohl einige Monate aus, denn er hoffte, durch Beobachtung des Alten die Antwort noch selbst zu finden. Irgendwann platzte ihm aber doch der Kragen und er rief: „Was ist nun die Antwort auf deine Frage, Greis?“

Der alte Meister Mu lächelte ihn wie immer an und sagte: „Ich habe es schon vergessen.“


Autor: UY

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