EIN AMULETTVERKÄUFER

Ich verkaufe Amulette.

Glücksbringer, Schutzzeichen, magische Dinge für und gegen all das, was einem auf dem Lebensweg begegnet. Liebe, unerfüllt oder unerwünscht? Reichtum, Gesundheit, eine sichere Reise. Ich habe tausend Amulette an meinem kleinen Stand.

Natürlich ist jedes von ihnen Betrug.

Ein paar sinnlose, schön klingende Worte, abends im schlechten Licht auf Papierreste gekritzelt, werden zu Gebeten, die ein greiser Mönch in einem Kloster in den Berggen eigenhändig niedergeschrieben hat mit gesegneter Tinte. Die bunten Stofffetzen, die ich einem Schneider in der großen Stadt aus seinem Abfall abkaufe, werden zu von blinden Nonnen gewebten Seiden, in die gemurmelte Schutzformeln gesponnen sind. Jeder Knoten, der das kleine Päckchen umschließt, ist ein magischer Verstärker, um das Schicksal selber zu beeinflussen – ich und meine Frau knüpfen sie inzwischen blind, so viele haben wir in den letzten Jahren gemacht. Die kleinen, schlichten für einfache Dinge des Alltages. Wenn es wichtiger wird, steigt auch die Schwierigkeit des Knotenwerks, so will es der Brauch, so erwartet es jeder meiner Kunden. Wir knoten dicke, verschlungene Kugeln oder handtellergroße Muster, wenn es wirklich um Leben oder Tod geht. Damit der Großvater wieder genesen kann, die Frau bei einem bleibt, der Sohn nach der Reise sicher heimkehrt. Die Leute geben uns viel Geld für die Hoffnung, dass die Amulette wirken. Wer weiß, vielleicht gibt es ihnen wirklich Mut? Papier und Tinte, Stoff und Kordel. Vielleicht sind es ihre eigenen Gebete, die sie magisch machen. Für mich ist es ein Geschäft mit ihren Ängsten, Hoffnungen, Verzweiflungen, Sehnsüchten. Es läuft gut.

Ich bin nicht verantwortlich für die Dummheit, die Leichtgläubigkeit der Menschen.

Es ist ein stiller, heißer Tag. Ich hocke hinter meinem Stand und werde schläfrig. Die billigen Amulette sind vorne, die teuren weiter hinten. Niemand stiehlt von jemandem, der als Vermittler zwischen den Geistern und den Sterblichen angesehen wird. Also schließe ich für einen Moment die Augen.

Ein Geräusch, das Klingeln eines Glöckchens. Ich blicke auf und eine Frau steht vor meinem Stand. Sie trägt einen großen Hut mit einem Schleier am Rand und einen Papierschirm zum Schutz vor der Sonne. Der Schirm hat einen Riss. Seltsam, dass mich das beunruhigt. Die Frau berührt meine Amulette, eines nach dem anderen. Ihr Gesicht ist ausdruckslos, wie eine Maske. Ich mag es nicht, wenn jemand die Stoffe mit seinen schmutzigen Fingern anfasst, doch diesmal sage ich nichts, starre nur auf die schneeweiße Hand. Sie hat es nicht eilig. Sie berührt alle. Jedes einzelne. Die billigen. Die teuren.

Dann erst hebt sie den Blick. Ihr eines Auge ist schwarz wie ein See bei Nacht, das andere milchig hell wie der Mond.

„Nicht eines?“, sagt sie. Ihre Stimme ist sanft und voller Bedauern. An den Rändern der Worte flackert noch ein anderes Gefühl. Unmut. Es trifft mich wie ein Wind, der nach Schnee schmeckt, mitten in der Sommerglut. Sie weiß es. Sie hat nicht nur meine Ware geprüft, sondern auch mich.

Wir haben beide versagt.

Ich fühle Scham. Heiß steigt sie mir in die Wangen.

Schuldbewusst senke ich den Kopf.

Das leise Klingeln eines Glöckchens.

Ich erwache.

Die Straße vor meinem Stand ist verlassen, aber mein Gesicht glüht. Das Amulett, das sie als letztes berührt hat, ist das einzige, das noch sanft hin und her pendelt. Ich starre es an, blicklos.

Ein Mann kommt, bleibt vor mir stehen. Er sieht krank aus, voller Sorge.

„Habt Ihr ein Amulett gegen Fieber?“, fragt er und ich weiß, er würde in seiner Angst jeden Preis zahlen. Aber langsam schüttle ich den Kopf.

„Nicht eines“, antworte ich.

 

Autor: Britta

 

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