EIN SCHLÄGER

Ich spüre einen Knochen unter meiner Faust brechen und höre mich selber schreien.

Die anderen Männer im Kreis lachen, ohne zu verstehen. Meinen sie, dass ich mir selber Schmerzen zugefügt habe? Ich spüre meinen Körper gar nicht, nur meinen Zorn, diese furchtbare Wut, die mich begleitet, so lange ich denken kann. Sie haben keine Ahnung, wie viel Beherrschung es mich kostet, jeden Tag und jede Stunde, ruhig zu bleiben. Zu schweigen, zu lächeln, wegzugehen, während meine Fingernägel blutige Halbmonde in meine Handflächen graben.

„Er hat ein schlimmes Horoskop“, murmelte die alte Wahrsagerin, als jemand sie nach mir fragte. „Seine Energien … alles Sturm und Donner.“ Dann merkte sie, dass ich sie hören konnte und schwieg. Ich lächelte. In der nächsten Nacht schlug ich Löcher in die Wand ihres Hauses. Sie weiß bestimmt, dass ich es war, aber sie sagte nie etwas. Hatte sie Angst? Besser war das. Es gibt viele Tage, da fürchte ich mich vor mir selber.

Der Mann vor mir auf dem Boden wimmert und schreit, während die anderen rundherum johlen. Ich trete zu, mir egal, was ich treffe, noch einmal, noch einmal. In mir brandet ein Gefühl auf wie eine finstere Wolke. Einmal, einmal nur möchte ich den Frieden spüren, den andere als selbstverständlich zu empfinden scheinen. Einmal die Ruhe nach dem Sturm. Halte ich mich zurück, droht er stets am Horizont. Und füttere ich ihn, lasse ihn frei und wild, dann tobt er nur in mir und wird nie weniger. Niemals weniger.

Ich gehe auf die Knie, nicht aus Schwäche, sondern um näher an das Gesicht des Mannes zu kommen, der noch Geldschulden vom Würfeln hat. Wir sind hier, um ihn daran zu erinnern. Meine Faust kracht auf ihn nieder, ich höre seine Schreie nicht mehr über das Donnern in meinem Kopf. Irgendwann zerrt mich jemand nach hinten.

„Du bringst ihn um!“

Und wenn? Dann hat er Frieden.

Und ich vielleicht auch. Vielleicht bringt das den Sturm zum Schweigen.

Sie lassen mich nicht. Sie haben Angst, ich sehe es in ihren Gesichtern. Alles in mir schreit danach, jedes einzelne davon zu der gleichen blutigen Maske zu machen wie von dem Schuldner, der da am Boden liegt und sich nicht mehr rührt. Wie viele schaffe ich, bis sie mich niederringen oder fliehen? Und danach?

Ich bin nichts anderes als eine Waffe, ein Knüppel. Ich schlage die, auf die der große Bruder zeigt. Frage nicht, begnadige nicht, töte nicht. Nur ein Knüppel.

Ein Werkzeug, das sich gegen seinen Herren wendet, hat danach keinen mehr.

Ich beiße mir auf die Wange, schmecke mein eigenes Blut. Der Schmerz fährt in die Wolken wie ein Sturm, treibt sie zurück, nur nicht auseinander, niemals auseinander.

Ich warte noch einen Moment, dann stehe ich auf. Meine Hände sind rot. Ist es mein Blut oder seines? Der Mann regt sich. Er wird es überleben.

„Gehen wir“, sage ich. Leise, beherrscht. Ich schaffe ein Lächeln und wende mich ab.

Ich spüre die angstvollen Blicke der anderen.

Der Sturm in mir weicht zum Horizont zurück.


Autor: Britta

 

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