EIN SPION

Die Leute im Dorf schauen an mir vorbei. Sie tun das, weil ich alt bin und arm. Und eklig. Niemand sieht gerne jemanden wie mich. Ich sitze vor der Hütte und schlürfe meine Nudeln so laut, dass man es noch auf dem Marktplatz hören kann. Reis klebt in den schütteren Resten meines Bartes. Wenn jemand vorbeigeht, dann lache ich zuweilen laut auf, so dass sie sich erschrecken und sich umsehen, als ob ich einen Geist entdeckt hätte, der ihnen am Zopf hängt. Ich schenke ihnen ein Grinsen, zeige meine paar verbliebenen Zähne, die dunkel sind vom Kauen berauschender Blätter. Manchmal wirft mir jemand eine kleine Münze zu und eilt dann rasch weiter, als könne er sich freikaufen von meinem Anblick.

Niemand sieht mich. Ich bin ein Schatten, ein Geist unter den Lebenden.

Und das ist gut so.

Das ist der Plan.

Denn während alle es gewöhnt sind, an mir vorbei zu blicken, beobachte ich sie genau. Über den Rand meiner Schüssel hinweg sehe ich, wie die keusche Ehefrau mit dem Lehrling des Kochs einen Blick voller Begehren tauscht. Ich bemerke das Klimpern in der Tasche des Bettlers, das nach allzu vielen Münzen klingt. Die Samurai, die an mir vorbeigehen, so dicht, dass ich nur meine Hand ausstrecken bräuchte, um ihre Kimonos zu berühren, sprechen unbeirrt weiter, denn für sie bin ich nicht mehr als der verrottete Korb neben der Bank. Ich höre nur ein paar Worte, doch das wieder und wieder, und irgendwann ergeben sie ein Bild. Namen, Orte, Pläne von Verrat oder Kampf, von Reisen und Bündnissen. Ich mag so aussehen, als wäre mein Kopf ein Krug, der schon vor langer Zeit geleert wurde. Doch in Wirklichkeit ist er eine endlose Schriftrolle , die bedeckt ist mit feinen Zeichen und sie füllt sich Tag für Tag mehr.

Was mache ich mit all diesem unsichtbaren Wissen?

Ich verkaufe es.

An den Starken oder an den Reichen, das ist mir im Grunde gleichgültig. Sie mögen sich nicht, die beiden Brüder, doch sie sind beide meine Kunden. Mal finde ich etwas, was für den einen genau richtig ist, mal für den anderen. Behutsam muss ich sein, wenn es sie beide interessieren könnte. Verkaufe ich das Wissen zweimal? Oder nur einmal zu einem besonders guten Preis? Es ist ein riskantes Spiel mit dem Feuer und dem Öl.

Und dann gibt es das, was ich für mich behalte. In der Dunkelheit aufgeschnappt, durch ein schlecht verschlossenes Fenster erspäht, ein Murmeln hinter dem Zaun, ein Kampf in der Gasse. Ich verwahre dieses Wissen.

Für schlechte Tage.

Für bessere Preise.

Oder weil es mein Leben kosten würde, wenn ich zugeben müsste, dass ich davon weiß.

Autor: Britta

 

Zurück zu den Geschichten