EIN WANDERER

Es ist kalt in dieser Nacht. Kein Schnee, ein wenig Wind. Das Feuer wärmt mich von vorne, aber durch den Boden sickert die Kälte in meinen Körper. Am Anfang war das unangenehm, jetzt spüre ich es kaum noch. Die Kälte, die Nacht, der Wald, der Weg und alles davor, ich versuche es aus meinen Gedanken fahren zu lassen. Das Gestern wird mich von ganz allein verfolgen, es braucht die Hilfe meiner Gedanken nicht.

Ich hätte einfach gehen können. Still, mit schamgebeugtem Haupt und wie ein Dieb in der Nacht. Vermutlich wäre das klug gewesen. Ich könnte längst wieder bei ihr sein, die Kinder sehen. Wie sehr sie wohl gewachsen sind? Ob sie mit Stolz von mir denken?

Ich bin nicht still gegangen. Ich konnte es nicht ertragen, die Schande, die Lüge, den Verrat. Ich habe einen Mann getötet. Sie werden es einen Mord nennen. Aber es war die ehrlichste Tat meines Lebens. Sie kann nichts wieder gut machen und nichts retten. Der Mann trug Schuld, aber er war nur einer von vielen und nicht einmal der Bedeutendste. Dennoch: Der Tod dieses Mannes wird diese Welt ein klein wenig besser machen. Ich lächle bei dem Gedanken.


Es ist nicht mein Feuer, an dem ich sitze. Der Mann, dem es gehört, war so freundlich es mit mir zu teilen. Vielleicht war er auch nur klug genug, einem Mann mit einem Schwert die Bitte nicht zu verweigern. Er ist älter als ich. Ein wandernder Verkäufer. Er handelt mit Puppen und kleinen Glücksbringern. Während er seine Suppe schlürft, versucht er jeden Blick in meine Richtung zu vermeiden und ich bin ihm dankbar dafür. Er redet nicht, ich rede nicht. Das erspart uns beiden das Lügen. Er hustet. Die Hustenkrämpfe schütteln seinen ganzen Körper. Er hält sich einen Lappen vor das Gesicht. Als es endlich vorbei ist, lässt er ihn schnell verschwinden. Ich habe die roten Flecken darauf dennoch gesehen.

Das Feuer knackt und knistert. Es riecht gut. Kiefernholz. Ein Funken tanzt nach oben und ich blicke ihm nach, bis er sich nicht mehr von den Sternen am nächtlichen Himmel unterscheidet. Ein anderer Funken hat sich im trockenen Unterholz ein paar Schritte vom Feuer entfernt niedergelassen. Ein fruchtbarer Boden wenn man ein Funken ist. Hastig springt der Puppenverkäufer auf und tritt die kleine Flamme aus, die fast augenblicklich empor züngelte. Während ihn die Anstrengung in den nächsten Hustenanfall treibt, sinne ich über den Symbolgehalt dieser Szene nach. Ist das ein Omen? Falls dem so ist, hat der Himmel Humor.


Ein Feuer knistert.

Kiefernadeln brennen hell.

Ein Funken fliegt auf,

tanzt zu den Sternen hinauf.

Bald brennt der Wald, brennt das Land.“


Mein Gegenüber zeigt sich von meinem Waka nicht sonderlich beeindruckt. Er hustet pietätlos vor sich hin. Ich lasse es ihm durchgehen. Immerhin ist es sein Feuer. Bald darauf wickelt er sich hustend in seine Decke und legt sich zum Schlafen hin. Ich habe keine Decke. Es wird eine kalte Nacht.


Am nächsten Morgen hustet der Puppenverkäufer nicht mehr. Der Raureif auf seinem Gesicht sagt mir, dass er schon vor Stunden gestorben sein muss. Ich betrachte eine Weile seinen Körper. Dann nicke ich. Eine alberne Geste, da sie doch niemand sehen kann. Ich entkleide den Mann, rasiere seinen Scheitel, dann kleide ich ihn in meinen Hitatare. Vornehme Farben, die vornehmsten die es gibt. Mir stehen sie nicht mehr zu. Ich weiß, dass sie nach mir suchen werde. Besser, ich gebe ihnen etwas zu finden. Gut wenn es sie täuscht. Wenn nicht, gewinne ich immerhin Zeit. Die wenigen Dinge, von denen ich mich nicht trennen will verstecke ich in seiner Trage unter den Puppen. Seine Decke nehme ich auch mit. Mir ekelt vor diesem Leichentuch. Aber ich kann es mir nicht leisten, wählerisch zu sein. Streng genommen kann ich mir gerade gar nichts leisten. Noch einmal blicke ich auf ihn hinunter. Sie werden keine Waffen bei ihm finden und ich muss ihnen eine Erklärung dafür liefern. Also drehe ich ihn auf das Gesicht, klaube einen Stein auf und schlage ihn auf seinen Hinterkopf. Räuber haben ihn hier überfallen, erschlagen und ausgeraubt. Nicht die beste Geschichte vielleicht, aber so könnte es gewesen sein. Ich verwische die letzten Spuren. Wird es reichen? Lange genug, bis ich sie wiedergesehen habe? Es muss. Es muss einfach!

Autor: rba

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