EINE BÄUERIN

Das Essen ist hier gut.

Vergnügt picke ich ein paar Reiskörner vom Tisch, die der Gast vor mir verstreut hatte, und blicke dem Jungen entgegen, der mir meine Schüsseln bringt. Der heiße Dampf, der aus ihnen aufsteigt, riecht würzig und belebt mich schon, ehe ich einen Happen gegessen habe. Es ist unruhig an den anderen Tischen, Leute rufen und lachen, sprechen zu laut. Ich bin das gar nicht mehr gewöhnt, aber es interessiert mich auch nicht.

Das Essen ist gut. Ich mag den Koch. Er ist auch nicht geizig mit Fleisch und mit Gewürzen. Ich picke ein paar saftige Brocken heraus und kaue. Es ist weich, das geht auch ohne Zähne. So gut. Und das beste daran: Ich habe es nicht selber gekocht. Hier zu sitzen, in der Gastwirtschaft im Dorf, gibt mir das Gefühl, eine Dame aus gutem Haus zu sein. Volle Schüsseln und ich werde bedient. Daran hätte ich mich gewöhnen können, wenn die Knoten des Lebens doch anders geknüpft gewesen wären.

Ah, nein. Es war schon alles gut so wie es war.

Was sollte ich auch erwarten? Die Tochter von kleinen Bauern, nicht hübsch, nicht klug, nicht begabt. Meine Eltern fanden einen jungen Mann für mich. Nicht hübsch, nicht klug, aber mit einer freundlichen Seele und einem starken Rücken. Und einem schiefen Bein. Das war gut. Er wurde nie für die Kämpfe eingezogen. Nicht tauglich für die Armeen, die sich irgendwo im Namen eines Herren schlugen und starben. Ich kann mit nie merken, wer gerade auf welchem Thron sitzt. Macht nichts, denn sie kennen auch meinen Namen nicht.

Ich stopfe mir den duftenden Reis in den Mund und werde nachdenklich.

Dinge passieren, auch wenn ich mich nicht um sie kümmere. Leute irren durch das Land, sogar durch unser winziges Dorf, gegen das dieses hier eine große Stadt ist. Sie gehen schweigend hindurch oder fragen nach einem Platz zum Schlafen, ein bisschen Nahrung. Wir haben ja nicht viel. Wenn es reicht, gebe ich ihnen eine Schale voll ab. Meine Kinder und Enkel sitzen da und starren den Gast an. Die meisten erzählen nichts und wir haben auch keine Fragen. Sie wirken müde, verhärmt. Einige tragen gute Kleidung oder Waffen. Trotzdem sitzen sie alle auf meinen Matten und trinken Suppe aus meiner gesprungenen Schale. Auf dem Weg hierher hat mich einer begleitet. Kein junger Mann mehr, nur im Gegensatz zu mir. Er hat mir nicht angeboten, mein Bündel zu tragen und er wollte auch nicht reden. Lief nur immer drei Schritte hinter mir wie ein Schatten. Hatte eine Hand nahe am Griff seiner Waffe und den Blick stets rechts und links vom Weg in den Bäumen und Felsen. Damit hat er sich bedankt für einen Platz am Feuer und ein wenig Reis. Nie bin ich sicherer hierher gekommen.

Ich sehe ihn drüben stehen, er spricht mit einem der Brüder des Wirtes. Vielleicht sucht er jemanden. Oder Arbeit? Soll ich dem Fremden sagen, dass dieser Halunke immer nur schlechte Neuigkeiten bedeutet? Er sollte nicht bei ihm bleiben, er scheint ein guter Mann zu sein. Ich zögere, kaue die letzten Bissen, die ich kaum mehr schmecke, so sehr ringe ich mit mir. Aber was soll ich schon machen, eine alte, dumme Frau wie ich?

Als ich aufstehe um zu gehen, sieht der Fremde noch einmal zu mir herüber, zufällig. Ich nutze das kleine Geschenk des Schicksals, sehe ihn eindringlich an, schüttle den Kopf. Für einen Augenblick ist er verwundert. Dann, ganz langsam und kurz, nickt er. Ich sehe, dass er sein Bündel greift und sich umdreht.

Seine Reise geht weiter.

Und ich gehe nach Hause, ehe es dunkel wird.

Autor: Britta

 

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