EINE FREMDE SEEFAHRERIN

Alle nennen mich Banjin, wenn sie mich sehen, und ich kann nicht herausbekommen, ob das nur ein Name ist oder eine Beleidigung. Herrgott, wie kann das so schwer sein? Ich habe doch sonst einen guten Instinkt, warum verlässt er mich hier?

Weil sie immer lächeln. Alle. Lächeln wie kleine Raubfische, denn sie wollen immer etwas von mir. Höflich, beflissen, zuvorkommend. Und doch hat Banjin diesen Unterton, als würde auch der schäbigste Straßenhändler, der mir ein paar fleckige Früchte zum Kauf anbietet, noch auf mich herabblicken.

So ein stolzes Volk. Selbst wenn es in Lumpen daher kommt.

Wenn ich sie direkt frage, dann behaupten sie, es würde nur so etwas wie „von weit her“, also von jenseits der Inseln, bedeuten. Aber ob ich ihnen das glauben soll?

Vielleicht bin ich auch zu misstrauisch. Es ist nicht einfach, hier zu sein, aber es lohnt sich. Das muss es aber auch, wir haben viel dafür riskiert – und viel dafür bezahlt. Jeder von uns.

„Nehmt euer Geld und fahrt heim, seht zu, was ihr damit macht“, hatte er uns angeboten. „Oder gebt es mir und werdet Teilhaber und wir werden sehen, welche Reichtümer wir hier gewinnen können.“ Gar keine großen Worte, aber sie haben nicht nur mich überzeugt, sondern viele von uns. Einige sind nicht geblieben und er hat ihnen ihren Anteil ausgezahlt. Was werden sie damit tun? Versaufen, verspielen und verhuren können sie ihn auch hier, obwohl dieser Sake ein abscheuliches Gesöff ist und das Würfelspiel mir keine Freude bereitet. Und die Männer … Himmel, vielleicht hätte ich einfach mit heimfahren sollen, nur wegen der Männer.

Nicht, dass es hier keine gibt. Viele sogar. Sie starren mich hinter meinem Rücken an, wenn ich über die Straße gehe, als würden sie genau hinschauen müssen um zu erkennen, dass ich eine Frau bin. Und dann noch dreimal darüber nachdenken. Kein Wunder bei den Püppchen, die hier sonst über die Stege trippeln in ihren engen Röcken und mit dem gelackten Haar. Ich ertappe mich dabei, wie ich kräftiger ausschreite, damit sie meine Hosen sehen und die Stiefel und die Kraft, die mir all die Jahre an Bord der Schiffe eingebracht haben. Kindisch, aber ich möchte sie zum Armdrücken herausfordern. Nicht, weil ich denke, dass ich gewinnen werde, den Fehler mache ich nicht. Viele der Männer hier sind Krieger, Handwerker, Bauern, sie sind alle stark. Ich will nur das Entsetzen in ihren Gesichtern zu sehen, wenn ich es wage, allzu fremd zu sein.

Keine gute Grundlage für die Geschäfte, die ich abschließen soll. Vielleicht hätte mich der Kapitän doch nicht als Diplomatin losschicken sollen.

Ich bezähme mich, begnüge mich mit einem breiten Grinsen, das alle Zähne zeigt.

Kein Lächeln. Ein ehrlicher Hai.

Banjin. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass es eine Beleidigung ist.

 

Autor: Britta

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