EINE GEISHA

Ich war die Blüte der Berge.

Meine Arme waren wie der Schnee auf den Gipfeln, meine Augenbrauen wie die Kraniche vor den Wolken. Mit jeder Bewegung erzählte ich Geschichten voller Anmut. In mir leuchtete ein Schein wie der Mond, rein und hell in der Sommernacht. Die beste Schülerin bin ich einst gewesen und später buhlten reiche Familien um die Gunst, mich als Künstlerin zu Gast zu haben. Die Zahl der Lackschachteln, in denen meine kostbaren Kimonos auf den Wechsel der Jahreszeiten warteten, war so groß wie die Sehnsucht der Männer, meinen Tanz sehen zu dürfen. Ein einzelner meiner Fächer kostete damals mehr als das, was ein Bauer in einem Jahr zu verdienen vermochte, und das Klingeln der Glöckchen an meinen Haarnadeln war das von reinem Gold.

Noch immer sind meine Arme wie Schnee und meine Augenbrauen wie Flügel. Noch immer erzählt mein Tanz Geschichten voller Anmut. Doch das Licht in meinem Inneren ist verloschen. Die Wolken, die sich vor meinen Mond geschoben haben, hatte ich nicht kommen sehen. Entscheidungen der Mächtigen, getroffen in weit entfernten Burgen und Palästen. Familien, reich und geehrt, fielen in dem Sturm, den sie entfachten.

Und ich fiel mit ihnen.

In einer Nacht voller Feuer und Schreien haben wir an uns gerafft, was wir tragen konnten. Schmuck, ein kostbares Ding hier oder da, nur um später festzustellen, dass ein Tanzschirm auf einer Bühne wertvoll sein mag, ein Beutel Reis auf der Reise jedoch ungleich wertvoller. Wir konnten unsere Seide nicht essen.

Einige, denen wir auf unserer Flucht begegneten, dachten, dass wir hilflos seien. Warum uns nur ausrauben, wenn man alles haben kann? Vielleicht hätte ich ihnen meinen Schmuck noch gegeben, doch nicht mich. Anmutig habe ich getanzt, anmutig habe ich getötet. Die Blätter der Blüte der Berge färbten sich rot. Sie flohen vor dem, was sie nicht erwartet hatten, doch nicht, ohne O-Hina zu töten, beiläufig. Sie löschten sie aus wie eine Kerzenflamme im Wind, erschlugen sie wie einen Schmetterling. Ich habe meine Schülerin begraben, die zerbrochenen Flügel, die sich nie mehr im Tanze bewegen würden, um sie gelegt und Steine auf sie geschichtet, bis meine Hände bluteten. Dann bin ich weiter gegangen.

Ich erinnere mich genau an die Gesichter derer, die das getan haben. Oh, ich habe keines von ihnen vergessen.

Meine Arme sind wie Schnee und ich tanze. Nicht mehr, um gesehen zu werden. Die meisten ahnen nicht einmal, was für eine Kunst ich ihnen zeige – es ist, als würde ich Hunde mit vergoldetem Reis füttern. Ich tanze, um zu sehen. Jedes Haus, das mich aufnimmt. Jedes Teehaus, dessen Hinterzimmer groß genug ist. Jeder Herr der Unterwelt, der mich einlädt in die Hütte, die er seinen Palast nennt. Ich tanze und schaue jedem Gast genau ins Gesicht.

Und wenn ich einen von ihnen erkenne?

Dann findet ihn meine Klinge in der Dunkelheit.

Noch immer bin ich eine Blüte der Berge. An meinen Dornen werden sie verbluten.

 

Autor: Britta

 

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