EINE DAME DES KAISERS VON TOU

Eine weitere Nacht bricht an, in der ich nicht schlafen werde. Regenschwerer Sommerwind trägt den Gesang der Zikaden herein in den dunklen, leeren Raum. Es ist Vollmond, aber wir sehen es nicht. Mein Herr hat befohlen, die Fenster zu verhängen mit dicken Reisstrohmatten und Seidenbrokat. Er kann bei Vollmond nicht schlafen. Und wir dürfen nicht.


Zwölf von uns sitzen um Ihn, während Er auf seinem Lager ruht, eine vor jedem Fenster. Der genaue Platz wird nach Rang ausgewählt. Ich sitze auf Höhe Seiner Schultern. Es ist die vierzehnte Nacht, die wir so durchwachen.

Während der ersten Stunden schon nickt eine der jüngsten Damen am Fußende ein. Sie wird von ihrer Nachbarin geweckt, erschrickt lautlos und bricht in Tränen aus. Ihre Zukunft ist hier zu Ende. Wir würdigen sie keines Blickes, als sie nach draußen flieht.


Als Tochter des Ministers zur Linken war es seit meiner Geburt ausgemacht, dass ich eines Tages hier sitzen würde. Nur ein schwerer Fehler hätte diesen Weg versperrt. Ich kannte den Kaiser schon damals, als Sein Name noch Hinode Mitsuzaki war.

Niemand hätte anfangs gedacht, dass die Wahl auf Ihn fallen würde. Er war schweigsam, schüchtern und tat sich in nichts hervor. Doch als Er heranwuchs wurde die Gabe der kaiserlichen Familie, die Stimmen des Himmels zu hören und seine Zeichen in der Welt zu sehen, in keinem Seiner Brüder und Schwestern so stark wie in Ihm.

Oft drohte sie Ihn zu überwältigen. Was Er hörte und sah, was keiner verstand und Er selbst nicht in Worte fassen konnte, zehrte Ihn aus. Als Er schließlich Seinen Namen ablegte und zur Himmlischen Majestät wurde, wirkte Er trotz seines jungen Alters gebeugter als die greisen Minister um Ihn.


Niemals aber habe ich Ihn so sehr leiden gesehen wie jetzt.


In jeder Nacht seit wir hier mit Ihm wachen, fährt Er mehrmals schreiend hoch. Er spricht dann so schnell, dass wir nicht folgen können. Von Rache, von Unrecht und Leid. Von Taten die endlich Vergeltung finden, nach Jahrhunderten in der Stille des Todes. Irgendwann sinkt Er erschöpft zusammen und flüstert: „Wenn ich nur endlich tot wäre. Dann würden sie schweigen.“

Wir berichten Seine Wort an die Weisen am Hof. „Es ist der Krieg, der ihn aufwühlt.“, meinen sie. Ich sehe ihnen an, dass sie nicht alles offenbaren.

Deswegen halte ich geheim, dass mein Herr sterben will.

Und dass er, mehr als alles andere, den Mond fürchtet.

 

Autor: UY

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