Hungrige Geister

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In Tou lebte vor einiger Zeit ein junger Mann, der ein heilloser Spieler war ohne Glück. In jedem Spielhaus seiner Stadt war er schon verschuldet und konnte sich nirgends mehr sehen lassen. Deshalb ging er oft außerhalb in die kleinen Städte um dort zu spielen. Auch da machte er aber nur mehr Schulden und geriet immer stärker in Bedrängnis. 

Nach einem weiteren glücklosen Ausflug war er gerade auf dem Heimweg, da kam er an einem Sumpf vorbei, durch den nichts als ein schmaler Pfad führte. Am Eingang dieses Pfades sah er eine Frau stehen und wie er näher kam erkannte er, dass es eine blinde Goze mit einer Biwalaute auf dem Rücken war. Sie hielt mit beiden Händen einen kleinen Tuchbeutel fest und schien recht ratlos. Als sie ihn kommen hörte, drehte sie sich um und rief: " Guten Abend, werter Herr. Wärst du so freundlich, meine Bitte anzuhören?" Der Spieler bejahte und ging näher, denn es ist allgemein in Tou bekannt, dass die Blinden vom Mond gesegnet sind und es Glück bringt, ihnen zu helfen.

Die Goze verbeugte sich als sie ihn stehenbleiben hörte und sagte: "Ich weiß es ist schon spät und sicher ein Unweg für dich, doch ich möchte dich bitten, mich über den Sumpf zu geleiten. Meine Tante wohnt im Dorf auf der anderen Seite und ich muss ihr dies hier bringen. Es ist gewiss nicht weit."

Der Spieler willigte ein. 

Sie fasste daraufhin ganz leicht mit einer Hand den Zipfel seines Ärmels und so gingen sie hintereinander den schmalen Pfad in den Sumpf. 

Auf dem Weg sah der Spieler sich oft nach ihr um und bemerkte, dass der Beutel, den sie trug recht schwer schien und leise metallisch klackte mit jedem Schritt. Was mag das sein?, dachte er bei sich und ihm ging auf, dass es ein ganzer Batzen Münzen sein musste. Das Verlangen nach dem Geld erfasste ihn heftig. Als sie mitten im Sumpf angekommen und die Straße schon weit außer Sicht war, fuhr er herum und versuchte, der Blinden den Beutel zu entreißen. Sie erschrak und wehrte sich und er stieß sie mit aller Kraft davon weg. Kaum hatte er sichs versehen, hatte er den Beutel in der Hand und sie war rücklings in den Sumpf gefallen. 

Mit vor Gier pochendem Herzen schlug er das Tuch des Beutels zurück. Darin war nichts als ein alter eiserner Teekessel, dessen Henkel geklappert hatte. 

Mit einem Schlag wurde ihm klar, was er getan hatte. Er blickte sich um, doch von der Goze war schon keine Spur mehr zu sehen. Da ließ er den Kessel fallen und rannte davon in der Angst, jemand möge das Ganze beobachtet haben.


Er ging die nächsten Tage kaum aus dem Haus und ihm war elend. Nach ein paar Wochen verblasste dann die Erinnerung an seine Tat. Es wurde Winter, die Nächte wurden länger und er begann wieder zu spielen. Eines nachts kam er nach hause und trank noch ein wenig allein am Kochfeuer. Da spürte er plötzlich ein Zupfen, als hielte ihn jemand am Zipfel seines Ärmels. Er fuhr herum, doch da war keiner. Erschauernd ging er zu Bett. 


Dies wiederholte sich nun noch einige Mal und ihm wurde nach und nach unwohl zumute. Auch wurden seine Träume des nachts düsterer. Oft hatte er darin den Drang, vor etwas zu fliehen, doch steckten seine Beine fest in Kälte und Nass und endlose Dunkelheit umfing ihn. Jede Nacht stieg diese Kälte etwas weiter auf, lähmte bald seine Hände und drückte auf seine Brust, dass ihm der Atem stockte. Am Morgen erwachte er, fand sein Deckbett durchnässt und seine Füße voll fauligem Schlamm.

Irgendwann quälte ihn das alles so sehr, dass er sich einem alten Freund anvertraute unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Dieser schüttelte ernst den Kopf, als er alles angehört hatte und sagte: "Es ist eine schlimme Sache, in die du da geraten bist. Dieser armen blinden Frau ist Unrecht geschehen und noch dazu konnte sie ihr Versprechen nicht halten, den Kessel zurückzubringen. Ganz sicher ist sie ein hungriger Geist geworden, der dich jetzt heimsucht. Wenn du nichts tust, kann es dich das Leben kosten."

Sie beratschlagten was zu tun sei. Einen Priester hätte man wohl bitten können den Geist auszutreiben, doch fürchtete der Spieler noch immer, sein Verbrechen würde dadurch bekannt.

"Vielleicht hilft es, wenn du den Kessel findest und zum Haus der Tante bringst.", schlug der Freund vor. "Und gib ihnen Geld, dass sie die Totenfeier abhalten können."

Der Spieler fasste Hoffnung und machte sich auf zu dem Sumpf. Wie er da ankam war es, obwohl er morgens früh aufgebrochen war, schon Abend und das Zwielicht senkte sich. Weit und breit sah er keine Menschenseele. Das einzige Geräusch kam von dürrem Laub, das der Wind auf dem Pfad hinwehte. 

Er folgte dem Pfad hinein und sah sich um nach dem Kessel. Doch soweit er auch ging, er sah ihn nirgends. Der Sumpf schien allerdings auch kein Ende zu nehmen und so dachte er stets, dass er ein paar Schritte weiter sicher fündig würde. Plötzlich erschrak er, denn er sah vor sich in der Ferne die Gestalt der Goze mit der Biwalaute an ihrem Rücken stehen, ganz so wie er sie damals zum ersten Mal gesehen hatte. Er rief sie an, doch sie wandte sich nicht um sondern beugte sich nur ganz leicht. Auch wenn die Furcht ihn zurückhalten wollte, schritt er weiter voran. Sie stand derweil still mitten auf dem Pfad. Sicher musste dort wo sie wartete der Ort sein, wo der Kessel noch lag, der ihm Erlösung bringen sollte. 

Mit jedem Schritt schien es ihm aber, als würden seine Füße schwerer. Die Kälte, die er aus seinen Träumen kannte, ergriff wieder Besitz von ihm. Schließlich wurde er gewahr, dass seine Füße schon bis zu den Knöcheln im Schlamm steckten. Er wandte sich um, doch der Pfad war verschwunden. Es gab nur einen Streifen des Mondlichtes, der das Wasser auf dem Sumpf glänzen ließ. Die Gestalt vor ihm sah er nun auch näher. Sie war nichts weiter als ein dürrer, abgebrochener Weidenbaum. 

In Panik versuchte er, darauf zuzukommen, um sich an dem Baum festzuhalten. Als er aber sein linkes Bein hob um einen Schritt zu tun, sank das rechte bis auf die Hüfte in den Morast. Er kämpfte noch, um sich zu befreien. Vergebens. Man hat ihn nie mehr gesehen.

Autor: UY

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