EIN MEDIZINHÄNDLER AUS NAN

Der alte Mann vor mir biegt seinen knochigen Rücken. Sein pfeifender Atem zieht die blasse Haut zwischen den Rippen hinein. Die Enkelin, selber kaum weniger fahl als er, klopft ihm auf die Schultern, sagt: „O-jii-chan, O-jii-chan, komm schon Großväterchen“, und sieht mich dabei hilfesuchend an.


Die Menschen hier versprechen sich viel von mir und meinesgleichen. Sie verkaufen ihren letzten Reis, ihr Werkzeug, ihre heiligen Schwerter, manche sogar ihre Kinder, um für Medizin zu bezahlen. Ein Land im Krieg ist auch ein Land in Krankheit. Und nur allzu selten sind es Krankheiten, die ich wirklich heilen kann.


Ich bin kein großer Meister in meinem Fach, habe nicht in der Stadt der Sterne studiert oder in den Metropolen am Großen Fluss. Ich habe nur von meinem Vater gelernt und er von seinem. Als ein besserer als ich in unser Städtchen kam, musste ich fortgehen. Und ich ging. Fort aus der Stadt, fort aus Nan. Für die Menschen an diesem entlegenen Ende von Tou bin ich das beste, was ihnen passieren kann.


Ich fühle die Stirn des alten, heiß von Fieber, sein Körper zittert unter meiner Berührung. Er nuschelt, dass seine Brust wie Feuer brenne, wenn er atmet. Die Hitze muss hinaus, denke ich, doch nicht zuviel. Ich nicke, mache mich daran, die Kräuter zu mischen: Ein Pulver zum Trinken und eine Räuchermischung.

Als ich die Päckchen geschlagen in feines Papier an die Enkelin übergebe, taucht meine Frau hinter mir im Laden auf. Sie weiß, dass ich gutmütiger bin als ich sollte. Ich nehme daher das schwere Päckchen mit Münzen, das die Enkelin mir reicht ohne Zögern an. Ich versuche nicht daran zu denken, wo sie es her hat. Meine Frau brummelt zustimmend, während ich mich von meinen Kunden verabschiede, die sich beide in unzähligen Verbeugungen rückwärts nach draußen bewegen. Ich murmele einen Segenswunsch, auf dass mein Werk helfen möge. Es liegt in der Hand der Götter.


„Gut, dass du nicht wieder so weichherzig warst.“, sagt meine Frau. „Du magst ja ein Heiliger werden wollen, aber ich will auch leben.“ Sie ist praktisch, eine typische Frau aus dem Salzland. Aber sie lacht, während sie das sagt.

Dann aber wird ihr Blick plötzlich ernst und sie zieht einen Brief hervor. „Wir werden bald Geld brauchen, weißt du. Mein Bruder Luo Ji hat mir geschrieben. Wir sollen so schnell wie möglich nach hause kommen. Der Kaiser in der Sternenstadt ist tot.“

 

Autor: UY

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