EIN SCHLACHTFELDPLÜNDERER

Von zu hause Weglaufen war die beste Entscheidung meines Lebens. Es hat nicht alles geklappt wie geplant, aber was solls: Ich bin jung, habe noch alle meine Arme und Beine und bald bin ich außerdem reich.

Meine großen Brüder wollten mich nicht mitnehmen. „Ein Mädchen mit so kurzen Beinen hält uns auf.“, haben sie gesagt. Und meiner Mutter wäre es natürlich lieber gewesen, ich wäre bei ihr im Dorf geblieben und hätte ihr abends nach der Arbeit die Schultern weichgeklopft. Dabei habe ich immer wenn wir im Hof gekämpft haben gegen meine Brüder gewonnen. Ohne mich wüssten die nichtmal, wo beim Schwert das scharfe Ende ist.

Als sie gingen, bin ich in der Nacht einfach hinterhergerannt. Was haben die sich erschreckt, als ich plötzlich im Dunkeln auftauchte. Aber lange haben wir es nicht zusammen ausgehalten. Überall mussten sie sich vordrängeln, weil sie älter sind – und dann uns alle blamieren.

Wir haben es trotzdem geschafft, in die Armee des Fürsten zu kommen. Um ehrlich zu sein haben die zu dem Zeitpunkt jeden genommen. Aber das war mir egal, als ich endlich ein richtiges Schwert in der Hand hatte. Nezumi – Ratte haben die anderen in meiner Truppe mich genannt, weil ich klein bin und flink. Von denen lebt keiner mehr.


Sowieso lebe nur noch ich, wenn ich mich hier so umsehe. Sasagahara, das Bambusgrasfeld, hat die größte Schlacht erlebt, die es in Tou jemals gab. Der ganze Norden gegen den ganzen Süden, hunderttausend Krieger auf jeder Seite, sogar eine Einheit mit fremdländischen Feuerwaffen. Jetzt, zwei Tage später, ist das Feld ein Tummelplatz für Krähen. Und für Ratten wie mich.


In einem Erdloch habe ich gewartet, bis ich keine Stimme und keinen Hufschlag mehr hören konnte. Ich weiß, dass die hohen Herrschaften nach Schlachten immer fliehen. Sie wollen Krieg, aber sie ekeln sich vor Leichen.

Nachdem ich sicher war allein zu sein, bin ich herausgekrochen. Ich habe die Fahne an meinem Rücken weggeworfen, damit mich keiner erkennt, auch wenn niemand hier ist, nur die Toten. Mit der Fahnenstange wende ich jetzt einen nach dem anderen um und nehme ihnen alles ab, was wertvoll aussieht. Am Anfang bin ich gierig, dann immer wählerischer. Klein, leicht und teuer soll es sein. Ein Paar bessere Schuhe, ein neues Schwert. Manchmal glaube ich, ein Gesicht zu erkennen. Ich irre mich jedesmal. Schließlich sehe ich nicht mehr hin. Ich mag den Gedanken nicht, dass hier meine Brüder sein könnten.


Stattdessen male ich mir aus, wie wir uns auf dem Heimweg treffen. Wir werden für die Mutter eine warme Weste kaufen und das Dach reparieren lassen. Ich habe jetzt schon soviel Geld in meinem Beutel, dass er fast platzt. Dann werden wir in der Stadt etwas essen: Fleisch und guten Fisch. Und Süßigkeiten. Ich merke, dass ich hungrig bin. Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen. Essen von Toten zu stehlen bringt Unglück. Aber ich fühle mich plötzlich zu schwach, um den weiten Weg in die nächste Stadt zu gehen.


Also suche ich am Körper eines toten Soldaten nach dem Gürtel mit dem Proviant. Ich esse erst die Päckchen am Rücken. Mit jedem Bissen spüre ich den Hunger mehr, seltsamerweise.

Als ich ihn umdrehe, um auch die Päckchen am Bauch zu essen, sehe ich in das Gesicht meines ältesten Bruders. Die Augen sind weit und der Mund verzerrt. Ich beginne zu zittern. Der Gestank von verfaulendem Blut, der hier alles umgibt, wird mir mit einem Mal bewusst und lässt mich würgen. Ich starre meinen Bruder an, unfähig mich zu rühren, bis ich plötzlich eine Speerspitze an meinem Rücken fühle. „Beweg dich und du bist tot.“, sagt eine rauhe Stimme. „Dein Geld gehört mir.“

Ich springe nach vorn und renne.

 

Autor: UY

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