EIN RONIN


Der letzte Reiskuchen war verschimmelt – und ich habe ihn trotzdem gegessen. Der faulige Geschmack ist seitdem in meinem Mund, füllt mein ganzes Inneres aus. Was einmal gut und rein war, ist verrottet – und ich kann mich dem nicht entziehen. Was für eine schlimme Zeit, in der ein Reiskuchen zum Sinnbild für alles wird. Nicht nur für mein Leben, so stolz es einmal gewesen sein mag, sondern schlimmer noch, für das meines Herren, für das ganze Land.

Verrottet.

Ich traf einen Mönch in der letzten Stadt. Er war arm, aber im Frieden mit sich. Sagte mir, dass alles in der Welt sich in Windungen bewegt, miteinander verwoben ist, einen Knoten des Schicksals bindet, den wir kaum sehen können, nicht verstehen oder entschlüsseln. Er meinte es tröstend. Er wollte mir sagen, dass die Ursprünge dessen, was nun geschieht, weit zurück liegen können, jenseits meines Einflusses. Dass ich nichts falsch gemacht haben muss, um die Folgen zu erleiden. Tröstet mich das? Wie könnte es. Mein Leben lang waren meine Prinzipien klar, meine Loyalitäten ungebrochen. Mein Weg eine Straße ohne Biegungen, nicht der steile Bergpfad, der jetzt vor mir liegt. Mein Leben lang habe ich mich bemüht. Ehre, Demut, Treue. Ein Bergkristall in klarem Wasser. Nun strömt der Fluss trübe dahin, Schmutz und Blut in ihm vermischt und ich bin ohne Macht. Tröstend? Machtlosigkeit tröstet mich nicht. Vielleicht irrte sich der Mönch. Vielleicht lag es doch an irgendeiner Entscheidung, die ich irgendwann falsch getroffen habe. Oder mein Herr. Wäre es nicht besser, auch seines eigenen Unterganges Schmied zu sein statt das Spielzeug vom Schicksal und anderen Mächten?

Die lange Straße macht aus mir einen Philosophen. Ich stelle meine Fragen dem Wind und erwarte keine Antworten. Mein Beutel ist leer, meine Strohsandalen sind durchgelaufen, ich spüre jeden Stein, eine ständige Erinnerung daran, dass ich nicht weiter ziellos wandern kann. Ich muss mein Schwert verdingen, um überleben zu können. Der Gedanke schmerzt wie eine Klinge. Möchte ich das? Überleben? Wäre es nicht ehrenvoller, dieses traurige Spiel einfach zu beenden?

Ich halte inne und erblicke vor mir Rauch von den Herdfeuern eines Dorfes. Plötzlich, mitten auf der geraden Straße, spüre ich, dass ich an einem Scheideweg stehe. Leben oder Sterben. Weitergehen oder für immer innehalten. Der faulige Geschmack sammelt sich in meinem Mund und ich spucke aus, wische mir das Gesicht mit dem Ärmel des Kimonos, der ohnehin schmutzig ist wie ein Lumpen. Für einen Augenblick öffnet sich in mir die Nacht und ruft meinen Namen. Doch dann, entschlossen, wende ich mich ab und dem Rauch zu.

Überleben, denn die Welt bewegt sich in Windungen. Wer weiß, was der Schicksalsknoten noch tief in seinem Inneren trägt? Ich balle die Fäuste, bis die Finger schmerzen und es fühlt sich gut an. Vielleicht liegt am Horizont die Vergeltung. Doch dafür brauche ich Reis, neue Schuhe, einen Krug Sake, um kurz zu vergessen und neu zu beginnen.

Vielleicht finde ich dort in dem Dorf jemanden, der ein Schwert brauchen kann.

Autor: Britta

 

Zurück zu den Geschichten