EINE WAHRSAGERIN

Mit großen, erwartungsvollen Augen starren die beiden Kinder mich an, während ihre Mutter vor mir Platz nimmt. An der weißen Rinne, die unter ihren Nasen durch den Dreck ihrer Gesichter zieht, sehe ich, dass sie lange durch die Kälte gelaufen sein müssen. Die Mutter ist jung, fahrig und mager wie ein Bambusstab. Ihr Kimono hat bessere Tage gesehen. Sie legt ihn mit einer zarten Geste zurecht, als sie sich setzt, einer Geste, wie sie nur Mädchen aus gutem Hause lernen.

Die Kinder hocken sich brav auf den Boden meiner Hütte, die Augen weiter auf mich geheftet. Es scheint, als habe man ihnen den ganzen langen Weg den verschneiten Wald nur von mir erzählt. Als seien meine Worte und Taten von solcher Bedeutung, dass man sie aufnehmen muss wie die Schriften der Meister in einer Schule. Vielleicht haben sie auch Angst, ich könnte mich in ein Ungeheuer verwandeln und sie fressen, sobald sie mich aus den Augen lassen.

„Was kann ich für dich tun, junge Herrin?“, frage ich die Mutter.

Sie blickt kurz auf, wendet sich dann ab. Es ist ihr peinlich, hier zu sein.

„Du bist auf Reisen.“, fahre ich fort. „Schon eine ganze Weile. Das Heim verlassen, auf der Suche nach einer Hoffnung, die es dort nicht gibt.“

Sie zuckt zusammen. Ich habe den Kern getroffen. Das war leicht, es steht ihr alles ins Gesicht geschrieben.

Jetzt, wo sie meinem Können zu trauen beginnt, können wir ins Geschäft kommen.

„Möchtest du ein Horoskop für die Reise haben? Morgen ist ein Tag des offenen Himmels – viele Möglichkeiten, aber man kann leicht irren. Das ist geschenkt.“ Ihr Blick schweift wieder durch die Hütte. „Ein Talisman vielleicht?“, biete ich an.

„Wirf die ehrwürdigen Stäbe für mich.“, sagt sie unvermittelt. Ihre Stimme ist klar, die Sprache gewählt. Eine Tochter der besseren Leute, wie ich gedacht hatte.

„Das mache ich nicht für Geld.“, sage ich.

Sie nickt. „Ich werde es dir vergelten.“

Ich mustere sie noch einmal. Was willst du mir geben? denke ich. Sie hält meinem Blick stand.

"Nun gut."

Ich hole die Stäbe aus ihrer lackierten Schachtel. Sie sind kühl, hart und ihr Klang klar, als sie fallen. Als ich es höre, fällt mir auf, dass ich sie ewig nicht mehr benutzt habe.

Ich muss lange nachdenken über die Zeichen, die dann vor mit liegen. Ich denke an den alten Mönch, der mich lehrte von den Wandlungen des Lebens und wie sie sich im Bild der Stäbe spiegeln. Ich denke an jene, denen ich zuvor diese Zeichen deutete. Ich erinnere mich an jeden einzelnen von ihnen. Nicht ich werfe in Wahrheit die Stäbe, sondern sie. Von all meinen Wegen, die Verwebungen der Welt zu ergründen, ist dies der einzige an den ich wirklich glaube, weil ich keinen Einfluss darauf habe, was passiert.

Ich grübele darüber, wie ich ihr sagen kann, was ich sehe.

Als ich aufblicke, weint sie. Sie ahnt wohl, warum ich so lange gezögert habe.

„Der gegangen war, ist ein anderer, als der, der ging.“, entschließe ich mich zu formulieren, „Was du findest, wird sein, was du suchst und doch ganz anders.“

Sie steht auf und sagt, den Rücken zu mir gewandt. „Ich danke dir sehr.“, und geht. Die Kinder huschen stumm hinter ihr durch die Tür.

Ich koche mir einen Tee, den mein Sohn mir aus seinem Dorf im Süden geschickt hat. Er duftet nach Sommerwäldern. Während ich trinke, schaue ich wie der Schnee draußen die Spuren der kleinen Familie bedeckt.

Sie laufen nach Süden in Richtung der Schlachtfelder.

 

Autor: UY

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